Im Wald zuhause (Konzept)

Im Wald zuhause

„Man sollte Kinder lehren ohne Netz auf einem Seil zu tanzen.
Bei Nacht unter freiem Himmel zu schlafen.
In einem Kahn auf das offene Meer hinaus zu rudern.
Man sollte sie lehren sich Luftschlösser statt Eigenheime zu erträumen, nirgendwo sonst als nur im Leben zu Hause zu sein und in sich selbst Geborgenheit zu finden.“

Hans Herbert Dreiske

Der Waldkindergarten Gelnhausen stellt sich vor

Der Waldkindergarten Gelnhausen wurde 1996 als erster hessischer Waldkindergarten von der heutigen Leiterin Berit Zeber als Verein initiiert. Als Ort für den Kindergarten wurde eine Streuobstwiese am Rande des Gelnhäuser Stadtwaldes gewählt. Dieser Platz bietet dem eingetragen Verein seitdem einen geeigneten Ort für seine naturnahe Pädagogik im Vorschulalter.

Seit Sommer 2008 besteht der Kindergarten aus zwei offenen Gruppen mit einer jeweiligen Gruppenstärke von max. 25 Kindern im Alter zwischen zwei und 6 Jahren. Das Kern-Team besteht aus 3 Erzieherinnen und zwei Erziehern,sowie einem Musikpädagogen. Verstärkung findet das Team aus wechselnden Jahres- und Wochenpraktikanten.

Bei Bedarf stehen den (alters-) gemischten Gruppen zwei beheizbare Bauwagen zur Verfügung. Hier wird im Winter gefrühstückt, musiziert, gelesen und gebastelt.

Zudem entstand im Laufe der Zeit unter der Mitwirkung von Erzieherinnen, Eltern und Kindern ein Baumhaus.

Ein fester Tagesablauf, der sich nach den Wetterbedingungen richtet, gibt den Kindern Orientierung und somit Sicherheit und Halt. Bei Unternehmungen im Wald wechseln wir zwischen einer Auswahl festgelegter Orte.

Träger des Kindergartens ist der gemeinnützige Verein „Waldkindergarten Gelnhausen e.V.“. Seine Mitglieder sind überwiegend Eltern, die ein bzw. mehrere Kinder im Kindergarten haben. Der Vorstand wird im Turnus von fünf Jahren neu gewählt. Die Mitgliedschaft der Eltern ist erwünscht, da der Verein durch die kreative Mitarbeit der Eltern profitiert.

Die Betreuungszeiten im Waldkindergarten sind von 8.00 Uhr bis 13.30 Uhr. Eine verlängerte Betreuung bis 15:00 Uhr kann hinzu gebucht werden.

Welcher Grundgedanke steht hinter der Waldpädagogik

Einer der Hauptgründe für die Entstehung der Waldkindergärten sind Einschränkungen durch die veränderte Kindheit. Während Kinder früher alleine oder in Gruppen durch Felder und Wälder streiften, ist ihr Lebensraum heute begrenzt. Es gibt für Kinder immer weniger eigene sichere Rückzugsgebiete, um sich zu bewegen und diese gestalten zu können. Der Waldkindergarten bietet genug Platz zum „Kindsein“. Lernen geschieht im Alltag und ist nicht isolierter Wissenserwerb, losgelöst von sozialer Verantwortung. Das unmittelbare Erleben im Wald und die eigenen Erfahrungen mit allen Sinnen anstelle von Projektionen aus zweiter Hand geben Selbstwertgefühl. Es legt den Grundstein, später in der Gesellschaft konstruktiv und kreativ tätig zu sein.

Förderung der Bewegungserfahrungen

Vielfältige Bewegungserfahrungen im Kindesalter sind wichtige Grundlagen für die Entwicklung von Kindern. Der Bewegungsdrang von Kindern ist groß. Ihm sollte daher besondere Bedeutung zukommen. Wenn Kinder sich bewegen, lernen sie nicht nur ihre Muskeln und ihr Gleichgewicht zu beherrschen. Bewegung verbessert ihre Denkfähigkeit und ist das beste Mittel, Stress abzubauen. Im Laufen, Klettern und Springen erwerben Kinder ihre grobmotorischen Fähigkeiten. Je sicherer und geschickter sie sich bewegen können, umso besser gelingt ihnen die Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt.

Im Wald laufen die Kinder auf unterschiedlichen Bodenbelägen. Sie müssen über Wurzeln steigen, Hügel erklimmen und runter rutschen, balancieren, schnell und langsam laufen, klettern, recken und sich strecken. Der ganze Körper wird gefordert und gefördert. Die Bewegungsvielfalt ist nirgends so groß wie im Wald.

Förderung der sinnlichen Wahrnehmung

Kinder nehmen die Welt weniger mit ihren geistigen Fähigkeiten als vielmehr mit ihren Körpern, mit ihren Sinnen wahr. Je jünger die Kinder sind, desto ausgeprägter ist ihre Wahrnehmung über die Sinne. Durch das Tasten, Schmecken, Riechen, Hören und Sehen begreifen Kinder ihre Umwelt. Wahrnehmen, Bewegen, Denken und Handeln sind bei Kindern eng verknüpft. Im Wald sind die Übergänge fließend. Kinder, die ihre Sinne zu gebrauchen wissen, erleben mehr, sind innerlich reicher und haben ein stärkeres Selbstbewusstsein. Der Wald bietet eine Fülle von Bildern, Geräuschen, Gerüchen, Berührungs- und Bewegungsempfindungen (der Wind und das Licht der unterschiedlichen Jahreszeiten, die ziehenden Wolken, die Ruhe, der Geruch nach feuchter Erde, nach Regen oder nach Schnee).

All diese Dinge kann man nur vor Ort im Wald erleben.

Förderung der Naturerfahrung

Es ist nicht wichtig, dass die Kinder möglichst viele Pflanzen und Tiere kennen, wichtiger ist es, aufmerksam zu beobachten und Fragen zu stellen (Warum schäumen Eichen bei starkem Regen? Wie alt wird eigentlich eine Kröte?). Den Kindern bietet sich die Möglichkeit, mit dem Lebendigen (Käfer, Schnecken, Würmer, Vögel, Raupen) vertraut zu werden. Auf diese Weise verlieren Kinder die Scheu vor dem kleinen Waldgetier und lernen Ehrfurcht und Behutsamkeit. Kinder, die sich täglich im Wald aufhalten und dort durch Bewegung, Beobachtung und Beschäftigung mit Naturmaterial viel erleben, entwickeln mit der Zeit eine feste Bindung zur Natur. Aus dieser Zuneigung wächst die Bereitschaft, Verantwortung für den Schutz der Natur zu übernehmen.

Wir orientieren uns mit unseren Projekten an den Kindern und den Jahreszeiten. Thematisch zum Jahreskreis wird gesammelt, gebastelt, getanzt, gesungen und experimentiert. Im Wald erfahren die Kinder aus nächster Nähe, in welchem Rhythmus ein Jahr abläuft, wie Tiere und Pflanzen sich den Jahreszeiten und dem Wetter anpassen. Die Beobachtung des Wachsens und Sterbens in der Natur sensibilisiert für Kreisläufe und Zusammenhänge.

Förderung der Sprachentwicklung und Kommunikation

Kommunikation ist uns wichtig. Beim Morgen- und Abschlusskreis sprechen wir über aktuelle Themen, machen Reime und Fingerspiele, spielen Kreisspiele und singen. Unsere Lieder und Fingerspiele bzw. Reime lernen die Kinder auch unter Einbeziehung der Gebärdensprache. Der Mimikwürfel fordert jedes Kind auf, etwas zu erzählen, auch vor der ganzen Gruppe: „Wie geht es mir? Was war schön / nicht so schön?

Das fördert die Kommunikation da die Kinder im Wald ohne vorgefertigte Spielsachen spielen: der Baumstamm ist jetzt ein Raumschiff….

Wir legen großen Wert darauf, dass Konflikte verbal gelöst und besprochen werden. Kommunikative Kinder können sich mitteilen, ihre Gefühle äußern und sind somit kompetent.

Förderung des Sozialverhaltens

Soziales Lernen findet in den Erfahrungszusammenhängen von Mädchen und Jungen in einer altersgemischten Gruppe statt. Im Wald können die Kinder nicht nur viel sehen, begreifen, ausprobieren, sondern auch im Zusammenleben mit anderen gemeinsames Handeln, Freude und Enttäuschung erleben.

Der Waldkindergarten bietet Platz zum Kindsein. Die Kinder zeigen ihre Bedürfnisse und leben sie aus, sie lernen Toleranz gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern. Die relativ kleine Gruppe bietet optimale Möglichkeiten, soziale Konflikte zu lösen.

Das soziale Lernen im Waldkindergarten umfasst:

  • den demokratischen Umgang miteinander, zum Beispiel in Kinderbesprechungen im Morgenkreis
  • Einander zu helfen; die älteren Kinder helfen den Kleinen den Rucksack ein- und aus zupacken, die Trinkflasche zu öffnen, die Frühstücksplane auszubreiten; sie helfen einander Hügel hoch zu klettern und vieles mehr
  • Rücksicht nehmen, eigene Interessen erkennen und angemessen zu vertreten
  • zu warten, bis man an der Reihe ist
  • Einander zuhören, das hat im Waldkindergarten eine große Bedeutung und übt sich täglich im Morgen- und Abschlusskreis
  • Lösungsmöglichkeiten gemeinsam finden, denn in der Natur ist man auf die Gemeinschaft angewiesen: Wie bekomme ich den Holzklotz an die richtige Stelle? Eine Hütte lässt sich viel besser mit Hilfe anderer Kinder bauen

Förderung der Schulfähigkeit

Wir begreifen die gesamte Kindergartenzeit im Wald als Vorbereitung auf die Schule. Die Vorschulerziehung bezieht sich auf die Förderung der Basiskompetenzen wie Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Sozialverhalten, als auch auf die Förderung schulnaher Vorläuferkompetenzen wie der Sprachentwicklung, der Feinmotorik und des Mengenbegriffes. Der Waldkindergarten bietet den Kindern die Möglichkeit zum Forschen, Beobachten von Tier- und Pflanzenwelt, Ausprobieren und Experimentieren mit Naturmaterialien. Die Kinder lernen in Spiel- und Handlungssituationen unter Einbeziehung ihres Körpers und all ihrer Sinne. Die Feinmotorik wird unter anderem durch Basteln gezielt gefördert. Das Wissen der Kinder wird durch Ausflüge, zum Beispiel zur Feuerwehr, Polizei, in Museen sowie durch das Bearbeiten gezielter Projekte die sich an den Interessen der Kinder orientieren. Hinzu kommen Vorschulaktivitäten wie Bachexkursionen und ein von den Kindern organisierter Herbstmarkt und vieles mehr. Im Rahmen unseres Zertifikats „Haus der kleinen Forscher“ bieten wir turnusmäßig den Kindern die Durchführung naturwissenschaftlicher Experimente an.

Vorteile des Waldkindergartens

  • Wind und Wetter ausgesetzt zu sein, stärkt die Lebensfreude und aus medizinischer Sicht am besten das Immunsystem.
  • Der Wald bietet den Kindern die Möglichkeit, wieder „Stille“ zu erleben. Stille ist von unschätzbarem Wert für die Förderung der Konzentrationsfähigkeit und der Differenzierung des Wahrnehmungsvermögens. In der Stille erlebt das Kind seine eigene Identität, seinen eigenen Wert. Gemeinsame Stille ist eine Erfahrung, die die Kinder verbindet.
    Im Wald gibt es jahreszeitliche Unterschiede in der Stille, denn der Wald hat einen Rhythmus von laut und leise. Wer einmal einen Vormittag im Waldkindergarten verbracht hat, wird das Erlebnis der Ruhe als beeindruckende Erfahrung mit nach Hause nehmen. Schuluntersuchungen belegen, dass die meisten Kinder, die einen Waldkindergarten besucht haben, in der Schule über ein ausgezeichnetes Konzentrationsvermögen verfügen.
  • Die erholsame Umgebung stärkt die körperliche und seelische Gesundheit.
  • Keine Übertragung von Krankheiten wie in geschlossenen, oft überhitzten Räumen.
  • Durch fehlende räumliche Einschränkungen können die Kinder im Wald ihre Gefühle unmittelbar ausleben (z.B. bei Wut gegen Baum hauen, bei Freude hüpfen).
  • Weniger Regeln und Gebote; die Kinder können aus eigener Anschauung die Notwendigkeit von Regeln erfahren, sie nachvollziehen und ihren Sinn erleben. Sie sind mit unmittelbarem Erleben verbunden.
  • Die Fantasie und Kreativität der Kinder wird durch die Vielfalt der Natur des Waldes angeregt und gefördert.

Integration

Wir nehmen Kinder mit Behinderung oder von Behinderung bedrohte Kinder im Waldkindergarten auf.

Die Kinder entdecken durch das Zusammenleben sowohl Ähnlichkeiten wie auch Verschiedenheiten im Anderen. Dabei lernen sie, toleranter zu sein und auch mit eigenen Schwächen besser umzugehen.

Besonderheiten

  • Von April bis Ende Oktober findet mittwochs ein Bach- oder Schluchttag statt. Die Kinder laufen zu einem Gelnhäuser Waldbach, um Kaulquappen zu beobachten und Staudämme zu bauen. Oder Sie gehen zur „Schlucht“, um am Seil zu klettern und mutig steile Abhänge herunter zu rutschen.
  • An einem Tag in der Woche kommt unser Musikpädagoge. Thorsten Pötsch bietet musikalische Früherziehung für die älteren Kinder an. Die Plätze sind begrenzt.
  • Ausgehend von unserem zentralen Platz bietet der Wald durch seine räumliche Grenzenlosigkeit eine Vielzahl von Möglichkeiten, jeden Tag zu einem universellen Erlebnis werden zu lassen.

Sie können sich das gesamte “Pädagogisch Konzept” downloaden > >.